• Michael Kurt Sonntag

Äußerst selten: Schriftloser Goldstater des Satrapen Ptolemaios


Als Ptolemaios 323 v. Chr. seine Satrapie Ägypten erreichte, da zirkulierte dort wie überall im Alexanderreich das Reichsgeld Alexanders des Großen, genauer gesagt, die goldenen Statere mit dem Kopf der Athena im korinthischen Helm auf der einen und der geflügelten Nike mit Kranz und Stylis auf der anderen Seite sowie die Silbermünzen mit dem Kopf des Herakles im Skalp des „Nemeischen Löwen“ auf der Vorder- und dem thronenden Zeus mit Adler auf der Rückseite. (Abb. 1)

Tetradrachmon (332-323 v. Chr. [Datierung nach Price], 323/22 v. Chr. [Datierung nach Lorber]), 17,09 g, Ø [Höhe Vs.] 26,03 mm. Münzstätte Memphis

Foto-Quelle: F. R. Künker, Auktion 97 (7.-8. März 2005), Los 460

Aber bereits um 320/19 v. Chr. ging Ptolemaios daran, neue, ikonografisch veränderte Silbermünzen auszugeben. Nun ja, ganz genau betrachtet, waren diese ersten ptolemaiischen Tetradrachmen nur zur Hälfte neu, da sie die alte Rückseite der Alexander-Typen (Rs. Abb. 1) beibehielten und lediglich die Vorderseite völlig neu gestaltet wurde. Allerdings gab es von dieser Vorderseite ab 313/12 v. Chr. [Datierung nach Lorber] eine zweite Variante mit flacherem Relief, größerem Porträtkopf und schuppenartiger Ägis. Eine Vorderseitenvariante, die, wenn man von minimalen stilistischen Veränderungen absieht, auch auf allen weiteren Tetradrachmen-Emissionen der Satrapenzeit beibehalten wurde. Betrachtet man die Vorderseite dieser neuen Münzen etwas eindringlicher, so erkennt man, dass es sich bei dem Abgebildeten um keinen Geringeren handelt als um den „vergöttlichten Alexander“. Jedoch trägt Alexander, der sich uns hier an Hand der kleinen Widderhörnchen als Sohn des Zeus Ammon bzw. des Amun-Re offenbart, eine Elefanten-Exuvie und eine Ägis; zusätzlich trägt er über der Stirn die Binde des Dionysos. (Abb. 2)

Tetradrachmon (310-305 v. Chr. [traditionelle Datierung], 306-300 v. Chr. [Datierung nach Lorber]), Silber, 15,61 g, Ø [Höhe Vs.] 27,21 mm. Münzstätte Alexandria

Foto-Quelle: F. R. Künker, Auktion 62 (13. März 2001), Los 173

Doch was bezweckte Ptolemaios mit dem veränderten Aussehen dieser Münzvorderseite? Nun, was er damit erreichen wollte, war im Prinzip dasselbe wie mit der „Entführung“ des einbalsamierten Leichnams Alexanders des Großen, dessen er sich 322/21 v. Chr. in Damaskos bemächtigte, als dieser von Babylon über Damaskos und Pelusion nach Siwa gebracht werden sollte – nämlich eine noch glaubhaftere Legitimierung seiner Herrschaft durch die „Anbindung“ an die „Person“ Alexanders. Die so betriebene Apotheose Alexanders seitens des Ptolemaios hatte also Methode und gehörte zum Kern der ptolemaiischen Propaganda. Denn je weiter Alexander in den Augen der ptolemaiischen Untertanen vom Menschen zum Gott entrückte, um so größer das Ansehen des Ptolemaios und die Akzeptanz seiner Herrschaft. War er doch dann sowohl Freund, General, Leibwächter und Hofmarschall eines „Gottes“ gewesen als auch legitimer Nachfolger dieses Gottes.

Um 312 v. Chr. ließ Ptolemaios auch goldene Statere schlagen, die auf ihren Vorderseiten ebenfalls das vergöttlichte Alexanderporträt zeigen und auf ihren Rückseiten einen nach rechts gewandten Schiffsbug aufweisen. (Abb. 3)

Stater des Satrapen Ptolemaios (um 312 v. Chr. [Datierung nach Lorber]), Gold, 8,54 g, Ø 18 mm. Münzstätte Alexandria

Foto-Quelle: Roma Numismatics Ltd., Auktion XVII (28. März 2019), Los 552

Da der abgebildete Goldstater allerdings anepigrafisch ist, d. h. weder Legenden noch Beizeichen oder Monogramme besitzt, ist es einzig und allein der Kopf des vergöttlichten Alexander, der uns veranschaulicht, dass es sich bei diesem Goldstater um eine Prägung des Satrapen Ptolemaios handelt. Aber was hat es mit dem rückseitig dargestellten Schiffsbug auf sich? Nun, der Numismatikerin Catharine C. Lorber zufolge könnte man mit diesen Goldstateren dem erfolgreichen maritimen Feldzug Ptolemaios´ gedacht haben, zumal Ptolemaios 313 v. Chr. nach Zypern gesegelt sei, dort eine Revolte niedergeschlagen habe, danach Poseidion an der Orontesmündung sowie die Stadt Potami Karon geplündert habe, anschließend nach Kilikien gesegelt sei, wo er Mallos eingenommen habe, und schließlich erfolgreich wieder nach Zypern zurückgekehrt sei. Weil die Münzen des Ptolemaios aber grundsätzlich nicht faktenbezogen gewesen seien, sondern sich eher symbolisch mit der königlichen Ideologie und Legitimation auseinandergesetzt hätten, so Lorber, wäre eine Interpretation wie die soeben Dargelegte wenig glaubhaft. Da im Jahr 312 v. Chr. jedoch der Transfer der Hauptstadt von Memphis nach Alexandreia stattgefunden habe, könnten diese Goldstatere, allerdings sehr wohl der Einweihung Alexandreias als neuer ägyptischer Flottenbasis gedenken. „The date of this extraordinary emission also corresponds to the transfer of Ptolemy´s capital from Memphis to Alexandria ..., suggesting that the prow staters could commemorate the dedication of Alexandria as a city sacred to Alexander and as the new base of the Egyptian fleet.“ (Catharine C. Lorber: Coins of the Ptolemaic Empire. Part 1. Ptolemy I through Ptolemy IV. Volume 1. Precious Metal. ANS, New York 2018, S. 255) Außerdem symbolisiere die Kombination von Alexanderporträt und Schiffsbug auf derselben Münze Alexander als Schirmherrn und Schutzpatron der ptolemaiischen Flotte.

Von diesem Goldstater kamen bis heute nur 7 Exemplare auf uns, von denen sich drei in Museen und 4 in privater Hand befinden.