• Michael Kurt Sonntag

Doppeltyrannei durch Silberstater bezeugt


Als Satyros, der Tyrann von Herakleia Pontike, im Alter von 65 Jahren, von einer schweren Krankheit gezeichnet, sein Ende nahen fühlte, übergab er die Herrschaft 345 v. Chr. an seinen Neffen Timotheos. Timotheos, der nach dem attischen Feldherrn benannte Sohn des Klearchos, war damals 22 Jahre alt. Von ihm wissen wir, dass er eine nachweislich mildere Tyrannis ausübte als sein Vater Klearchos und sein Onkel Satyros. Ob diese allerdings milder war, weil Milde seinem Wesen mehr entsprach, oder weil er glaubte, dass sich die Tyrannis ohne einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung in Herakleia nicht mehr behaupten ließe, darüber kann nur spekuliert werden. Wer weiß, vielleicht vereinten sich ja in ihm auch ein sanfterer Charakter mit der Begabung eines weitsichtigen Politikers. Da Timotheos seinen sieben Jahre jüngeren Bruder Dionysios aber schon bei seinem Regierungsantritt zum Mitregenten erhoben hatte (345 v. Chr.), herrschte das tyrannische Geschwisterpaar nicht nur mehrere Jahre gemeinsam, sondern blieb die „dynastische“ Tyrannis auch nach dem frühen Tod des Timotheos bestehen. Denn Timotheos verstarb bereits 337 v. Chr. im Alter von nur 30 Jahren. Der neue Alleinherrscher ehrte seinen verstorbenen Bruder mit einem prunkvollen Begräbnis und ließ für ihn regelmäßig sportliche und musische Wettkämpfe ausrichten. Die Regierung führte Dionysios ebenso besonnen wie einst Timotheos und wahrte damit die innenpolitische Kontinuität.

In der Münzprägung Herakleias ging das tyrannische Geschwisterpaar, das von 345 bis 337 v. Chr. gemeinsam herrschte, allerdings völlig neue Wege. Zum einen gaben sie die von Klearchos und Satyros angenommenen Münzfüße wieder auf und führten den reduzierten persischen Münzfuß ein – hiernach wog ein silberner Doppel-Sigloi oder Stater oder Didrachmon ca. 9,7 g –, zum anderen erhielten die Münzen neue Bildmotive und zum dritten emittierte man diese Münzen nur noch im Namen der regierenden Tyrannen. Auch vereinheitlichte man die Bildmotive der beiden Hauptnominale Stater und Hemidrachme so, dass sowohl der Stater (Doppel-Sigloi) als auch die Hemidrachme (Halb-Siglos) auf ihren Vorderseiten den Kopf des jugendlichen Dionysos mit Efeukranz und Fruchtdolde im Haar und geschultertem Thyrsos zeigen und auf ihren Rückseiten den stehenden Herakles abbilden, der ein Tropaion (ein Siegesmahl aus den erbeuteten Waffen der besiegten Feinde) errichtet. Zudem lauten die Münzlegenden 𝛵𝛪𝛭𝛰𝛳𝛦𝛰𝛶/𝛥𝛪𝛰𝛮𝛶𝛴𝛪𝛰𝛶, was soviel bedeutet wie [Münze] des Timotheos [und] des Dionysios.

Doppel-Sigloi bzw. Stater des Timotheos und des Dionysios (um 345–337 v. Chr.)

9,74 g, Ø (Höhe Vs.) 21,54 mm. Münzstätte Herakleia Pontike

Seltenheit nach Oliver D. Hoover: R1 (25-60 Exemplare)

Foto-Quelle: MA-Shops, Deniz F. Grotjohann (Oktober 2012)

Vom ikonographischen Standpunkt aus betrachtet, hatte Timotheos den Herakles jedoch nicht von seinen Münzen verbannt, sondern ihn nur von der Vorder- auf die Rückseite gesetzt und die Vorderseite so für den in Herakleia ebenfalls hochverehrten Gott Dionysos frei gemacht. Schließlich verdankten die Herakleioten ihren überaus geschätzten Wein, den sie sowohl selber genossen als auch in weite Teile der griechischen Welt exportierten, ihrer Mythologie zufolge diesem Gott des Weines. Das Bildmotiv der Rückseite mit dem Tropaion ist zweifellos von den Hemidrachmen des Klearchos und des Satyros entlehnt, wenngleich dieses neue Motiv um die Gestalt des aktiv agierenden Herakles bereichert wurde. Ferner dürfte die Tatsache, dass ausgerechnet Herakles aus den Waffen der besiegten Feinde ein Siegesmal errichtet, propagandistisch von großer Bedeutung gewesen sein, zumal so der Eindruck erweckt wurde, als ehre Herakles die militärischen Siege der Tyrannen von Herakleia höchstpersönlich.