• Michael Kurt Sonntag

Das Soldgeld der Phoker während des 3. Heiligen Krieges


Phokis, die Heimat der Phoker, war die in der Antike zwischen Westlokris, Doris, Thessalien, Ostlokris, Boiotien und dem Golf von Korinth gelegene Landschaft in Mittelgriechenland. Seit dem frühen 6. Jh. v. Chr. gehörten die Phoker genauso wie die Stämme der Thessaler, Boioter, Dorer, Ioner, Perrhaiber und Doloper, Magnesier, Lokrer, Ainianer, phthiotische Achaier, Malier und Delpher zum Bund der pyläisch-delphischen Amphiktyonie. Jeder dieser 12 griechischen Stämme besaß im Rat der Amphiktyonie zwei Stimmen und hatte sich per Eid dazu verpflichtet, das Heiligtum der Demeter in Anthela (nahe der Thermopylen) sowie das des Apollon in Delphi zu schützen, bestimmte politische Verhaltensweisen einzuhalten und Vertragsbrüche einzelner Mitglieder zu ahnden.

Da die Amphiktyonie um die Mitte des 4. Jh. v. Chr. allerdings unter dem Einfluss Thebens stand und Theben die stärkste Macht in Boiotien und der größte Rivale der Phoker war und darüber hinaus nach der Hegemonie in ganz Mittelgriechenland strebte, klagten die Boioter auf der Frühjahrsversammlung der Amphiktyonie 356 v. Chr. führende Phoker wegen angeblicher Religionsfrevel in Delphi an. Als Folge davon wurden die Phoker zur Zahlung einer hohen Geldstrafe verurteilt. Doch statt die Strafe zu bezahlen, wählten diese Philomelos zum bevollmächtigten Strategen an die Spitze ihres Staatswesens. Nachdem Philomelos Rückendeckung und 15 Talente Silber von den Spartanern erhalten hatte, besetzte er im Sommer 356 v. Chr. Delphi und seinen heiligen Bezirk. Dem Geld der Spartaner fügte er weitere 15 Talente aus eigenen Beständen hinzu, heuerte Phoker und fremde Söldner an (insgesamt etwa 5000 Soldaten) und konnte damit alle Angriffe der Lokrer und Boioter bis zum Winter zurückschlagen.

Im Winter 356/55 v. Chr. gelobte Philomelos den Athenern, Spartanern und Thebanern, die Tempelschätze Delphis nicht anzutasten. Weil die Boioter, Lokrer u. a. im Gegensatz zu den Athenern und Spartanern aber weiterhin auf Krieg sannen, belegte er die reichen Bürger Delphis mit hohen Steuern, heuerte erneut Söldner an und drängte die angreifenden Lokrer erfolgreich zurück. Diese wandten sich daraufhin an die Boioter um Hilfe. Die Boioter wiederum stachelten die Mitglieder der Amphyktionie zum Krieg auf, so dass die Amphyktionie den Phokern schließlich offiziell den Heiligen Krieg erklärte – es war dies der 3. Heilige Krieg der griechischen Geschichte.

Nun musste sich Philomelos, wenn er in diesem Krieg weiterhin die Oberhand behalten wollte, doch noch der Tempelschätze Delphis bemächtigen. Dies tat jedoch nicht nur er, sondern auch die ihm nachfolgenden Strategen Onomarchos, Phayllos und Phalaikos, sie alle verbrauchten oder verkauften nach und nach die Edelmetallbestände Delphis während der zehn Jahre, die der Heilige Krieg dauern sollte, und prägten daraus Kleinsilbermünzen, um die angeheuerten Söldner zu bezahlen. Unter den Silbermünzen, die bis heute davon auf uns gekommen sind, finden sich nur Hemidrachmen, Obole und ganz wenige Drachmen. Das am häufigsten geprägte Nominal, die Hemidrachme, trägt auf ihrer Vorderseite die Abbildung eines von vorn gesehenen Stierkopfes und auf der Rückseite den Kopf des Apollon Delphinios im Lorbeerkranz nach rechts gewandt.

Phokis, Hemidrachme des Phayllos (352–351 v. Chr.), Silber, 2,74 g, Ø [Höhe Rs.] 14 mm, Münzstätte Delphi. Bildquelle: F. R. Künker, Auktion 153 (14. März 2009), Los 8276

Unter dem Hals des Gottes lesen wir den Buchstaben „𝜙“ und unter seinem Kinn den Buchstaben „𝛺“ als Abkürzung für „𝜙𝛺𝛫𝛪𝛫𝛰𝛮 [𝛮𝛰𝛭𝛪𝛴𝛭𝛢]“, was so viel heißt wie [Münze] von Phokis. Im Gegensatz zum Apollonkopf, der erst seit der phokischen Einnahme Delphis und des delphischen Apollonheiligtums auf Hemidrachmen erscheint, ziert der Stier dies Nominal bereits seit ca. 500 v. Chr. Während der Stier sozusagen als Wappentier für die Kontinuität in der Münzprägung steht, brachten die Phoker laut C. M. Kraay mit dem Apollonkopf zum Ausdruck, dass diese aus den Schätzen des Apollonheiligtums geprägten Münzen das Geld Apollons waren und sie nun die Herrschaft über Delphi und das Apollonheiligtum inne hatten. Weshalb ausgerechnet die Hemidrachme das Nominal war, das am häufigsten ausgeprägt wurde, erklärt der Numismatiker R. T. Williams damit, dass sie dem Tagessold eines Söldners entsprach und auch bei einer Verdoppelung des Solds immer noch eine praktische Stückelung blieb, zumal eine Verdoppelung auch nur eine Ausnahme gewesen sei. Laut Williams hätten die Phoker für größere Transaktionen das Gold und Elektron aus dem Tempelschatz vermutlich direkt in Tetradrachmen von Athen oder Statere von Korinth oder von Lokris eingetauscht und seien deswegen auch ohne eigene Großgeldprägung ausgekommen.

Doch trotz der immensen Menge an Tempelschätzen, die die Strategen der Phoker im Laufe der 10 Kriegsjahre verbrauchten – allein an Silber dürften laut Williams fast 3840 Talente in Münzen umgewandelt worden sein –, den Sieg in diesem 3. Heiligen Krieg konnten sie nicht erringen. Der Stratege Philomelos beging nach dem Verlust einer Entscheidungsschlacht 354 v. Chr. Selbstmord. Sein Nachfolger Onomarchos wurde 352 v. Chr. von Philipp II. von Makedonien vernichtend geschlagen, gehängt und gekreuzigt. Sein Nachfolger Phayllos starb 351 v. Chr. an Tuberkulose und Phalaikos, der letzte Stratege, ergab sich Philipp II. 346 v. Chr. kampflos, da die Tempelschätze zur Neige gingen und er selbst an keinen Sieg mehr glaubte.

Ruinen des Apollontempels von Delphi an den Hängen des Parnass. (Quelle: Adam L. Clevenger, Wikipedia)