• Michael Kurt Sonntag

Ein ganz besonderes Tetradrachmon Mithradates` VI. Eupator


Die Porträtgestaltung auf den Münzen von Mithradates VI. Eupator orientiert sich auffallend an dem Porträt des vergöttlichten Alexander auf den Lysimachos-Münzen. Denn genauso jung und idealisiert wie Alexander wurde auch Mithradates VI. dargestellt. Zwar zeigt sein Antlitz nicht so große, tiefliegende und nach oben blickende Augen wie das Alexanders, doch verrät auch dieses, wie H. Bengtson zurecht bemerkte, „Geist und Feuer“ und „strahlt eine ungewöhnliche Energie aus“. Außerdem weist es ebenso stark gelockte, ja fast schon zerzauste Haare und ein Diadem mit fliegenden Enden auf. Interessant ist, dass die idealisierenden Tendenzen auf den späteren Bildnissen des Mithradates sogar noch zunehmen, so dass der Herrscher, der uns beispielsweise von den in Pergamon geprägten Goldstateren entgegenblickt (Abb. 1), bereits so unglaublich jung und idealistisch überhöht erscheint, dass man in diesen Porträts wohl eher einen jugendlichen Gott zu erkennen glaubt als einen tatsächlich 45- bis 47-jährigen hellenistischen Monarchen.

Goldstater des Mithradates (Jahr 2 neuer Zeitrechnung, 88/87 v. Chr.), 8,40 g, Ø [Höhe Vs.] 19 mm.

Quelle: Fritz Rudolf Künker, Auktion 100 (21. Juni 2005), Los 23

Die stilistische Ähnlichkeit zwischen dem vergöttlichten Alexander- und dem Mithradates-Porträt ist aber kein Zufall. Denn was Mithradates den Griechen Griechenlands und Kleinasiens mit diesen Bildnis-Münzen zu vermitteln suchte, war nicht ein möglichst authentisches Porträt seiner selbst, sondern die Botschaft, dass der Abgebildete dieselbe Energie und Vitalität aufweise wie der junge, vergöttlichte Alexander und somit auch dessen Mut, Stärke und Führungsqualitäten besäße. Mit diesen Münzen signalisierte Mithradates seinen Zeitgenossen also unmissverständlich, dass er sich als ein neuer bzw. ein zweiter Alexander sah. Und so wie einst der junge Alexander den Griechen im Kampf gegen die Perser vorangegangen war, so würde er nun der „hellenistischen Welt“ im Kampf gegen Rom voranschreiten.

Doch das Mithradates-Porträt spielt auch auf den Gott Dionysos an. „Auf ihn weisen die nach vorne drängende Haltung des Kopfes, die vollen zerzausten Locken und die wegfliegenden Enden des Diadems hin“ (Klose). Auch zeigen seine Porträts bisweilen einen leicht geöffneten, „atmenden Mund“ – ein stilistisches Element, das sich so auch schon auf einigen posthumen Lysimachos-Münzen und auf einigen der Alexander-Münzen Ptolemaios´ I. fand. Da Mithradates den Beinamen Dionysos angenommen hatte und der Efeu in der griechischen Mythologie dem Gott Dionysos als „Bekränzungspflanze“ diente, weist der Kranz aus Efeublättern und Fruchtdolden, der die Rückseiten der Gold- und Silbermünzen des Mithradates schmückt, ebenfalls auf diesen Gott. Doch weshalb finden sich innerhalb des Efeukranzes ein grasender Pegasos oder ein äsender Hirsch? Nun, die Antwort hierauf liefert erneut die griechische Mythologie. Dieser zufolge war Perseus, der Heros, welcher das geflügelte Ross flog, die schreckliche Medusa tötete und die Prinzessin Andromeda vor dem Seeungeheuer rettete, der mythische Vorfahre des Mithradates. Der Mythologie entsprechend stammte nämlich sowohl das Herrschergeschlecht der Achaimeniden als auch das der Makedonen vom legendären Helden Perseus ab. Der Hirsch wiederum war das heilige Tier der Göttin Artemis und diese eine der am meisten verehrten Göttinnen bei den Griechen Kleinasiens. „Diese Darstellung richtet sich also an die kleinasiatischen Griechen“ (Klose), die Mithradates von den Römern 89 v. Chr. befreit hatte. Laut Peter Robert Franke weisen der äsende Hirsch und die Beizeichen Mondsichel und Stern allerdings auf die iranische Abstammung des Königs und nicht auf die Göttin Artemis hin.

Im Gegensatz zu den Alexander-Münzen des Lysimachos sind die Münzen des Mithradates jedoch datiert – und zwar nach der bithynisch-pontischen Ära, die 298/297 v. Chr. begann. Die Jahreszahlen befinden sich stets auf der Münzrückseite im rechten Feld oben, direkt unter der Aufschrift ΒΑΣΙΛΕΩΣ und sind ihrerseits ebenfalls in griechischen Buchstaben angegeben. Nicht nach der bithynisch-pontischen Ära, sondern nach einer neuen Zeitrechnung sind die Münzen datiert, die Mithradates zwischen 89/88 und 86/85 v. Chr. in Pergamon und anderen Münzstätten prägen ließ (Abb. 1) und die die Jahreszahlen 1, 2, 3 und 4 (Α, Β, Γ, Δ) tragen. „Die Bezeichnung der neuen Ära als ,pergamenisch‘ ist sicher nicht korrekt. Pergamon kannte nie die Datierung nach einer Ära. In ihrer Einführung durch Mithradates VI. könnte man hingegen eine Gegenmaßnahme gegen die sogenannte ,Provinzialära‘ von Asia sehen, deren Daten auf den Kistophoren von Ephesos erscheinen. ... Die neue Ära ... trägt deutlich politisch-propagandistische Züge und ist Zeichen der neuen Herrschaft über Asia. Mit Mithradates VI. sollte ein neues Zeitalter in der Geschichte von Asia beginnen. ... In welcher Form Asia nach den Plänen des Mithradates weiterregiert werden sollte, geht nicht ausdrücklich aus den Quellen hervor. Die neue Ära dokumentiert aber eine Sonderstellung von Asia und sollte wohl zeigen, daß eine volle Eingliederung in das pontische Reich nicht geplant war“ (Leschhorn).

Königreich Pontos unter Mithradates VI. Eupator: Tetradrachmon (um 115/14 v. Chr.), Silber, 16,59 g, Ø 30 mm, Münzstätte Amaseia oder Sinope.

Quelle: Nomos AG, Auktion 17 (26. Oktober 2018), Los 149

Völlig aus dem Rahmen bezüglich der bisher beschriebenen Mithradates-Münzen fällt allerdings das Tetradrachmon in Abb. 2. Vergleicht man dieses nämlich mit dem abgebildeten Goldstater, so fallen drei Dinge auf: 1. Die Münze ist nicht datiert; 2. das Rückseitenmotiv mit dem grasenden Pegasos wird nicht von einem Kranz aus Efeublättern und Fruchtdolden, wie auf den allermeisten Gold- und Silbermünzen des Mithradates, umgeben und 3. das Porträt des Königs ist nicht idealisiert, da Mithradates hier in der Tat erst 20 Jahre alt war und nicht künstlich „verjüngt“ dargestellt wurde. Außerdem trägt er einen „jugendlichen“ Bart und ahmt somit nicht das glattrasierte Gesicht Alexanders des Großen nach, wie auf seinen späteren Münzen. Solche Porträtmünzen ließ Mithradates aber nur zu Beginn seiner Regierung prägen, so dass das abgebildete Stück um 115/14 v. Chr. zu datieren ist. Diese Münze ist jedoch nicht nur selten was ihre Ikonografie angeht, sondern auch was ihre Anzahl betrifft. Es sind nur vier Stück insgesamt bekannt, von denen sich drei Exemplare in Museen befinden.