• Helmut Caspar

„Vom Fels zum Meer“. Neue Preußen-Dauerausstellung im Schloss Charlottenburg


In der Novemberevolution vor einhundert Jahren musste Wilhelm II., seines Zeichens deutscher Kaiser und König von Preußen, für sich und seine Dynastie der Krone entsagen. Das Deutsche Reich wurde Republik, die man alsbald nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Versammlung „Weimarer Republik“ nannte. Schlösser und Sammlungen der bisher regierenden Hohenzollern und weiterer Herrscherhäuser öffneten sich den bisherigen Untertanen.

Erstmals wurde die Hohenzollern-Dynastie anno 1061 urkundlich erwähnt, 1415 wurde einer aus der Familie, Friedrich I. von Hohenzollern, mit der Würde eines Kurfürsten von Brandenburg belehnt. Als einer von sieben Reichsfürsten hatte er das Recht, den römisch-deutschen Kaiser zu wählen oder, wie man sagte, zu küren.

Wie die ganz frühen Vertreter der Familie aussahen, ist nicht überliefert, aber man kann ihnen in der neuen Ausstellung „Das preußische Königshaus – Eine Einführung in die Dynastie“ in die Augen schauen. Die Bildnisse der in grauen Vorzeiten regierenden Zollerngrafen Otto, Burchardt und Friedrich III. sind fantasievolle Erfindungen unbekannter Maler vom Anfang des 17. Jahrhundert, hervorgeholt aus dem Depot für die neue Dauerausstellung. Hingegen können die Porträts brandenburgischer Kurfürsten und preußischer Könige in kostbaren Roben und ordensbesetzten Uniformen als lebenswahr gelten. Ein aus dem Neuen Palais im Potsdamer Park Sanssouci stammendes Bildnis von Kaiser Wilhelm in pompöser Paradeuniform des Garde-Kürassier-Regiments muss Eindringlinge vor hundert Jahren so erbost haben, dass sie es mit Säbelhieben zerschnitten. Bei der Restaurierung hat man die Verletzungen absichtlich nicht kaschiert.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Vermittlung des aufhaltsamen Aufstiegs der Dynastie durch Herrscherporträts rund um die Neupräsentation des Kronschatzes.

Kronen hinter Panzerglas

Jedes von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg präsentierte Objekt ist eine Augenweide und erzählt eine besondere Geschichte. Die Gemälde, Kronjuwelen, Silbergeschirre, Porzellanvasen und Medaillen werden in vier Räumen gezeigt. „In den kommenden Jahren kommen weitere hinzu, so dass Besucher erfahren, wer denn diese Hohenzollern waren, was sie geleistet haben, warum sie sich länger als andere Dynastien auf dem Thron halten konnten“, sagt der Kunsthistoriker Samuel Wittwer beim Rundgang durch die Ausstellung. „Wir wollen die in preußischen Schlössern und darüber hinaus oft gestellte Frage beantworten, woher die Hohenzollern kamen und wie sie es an die Spitze des Deutschen Reichs brachten, wie sie in einem halben Jahrtausend ihre Herrschaft Berlin, Brandenburg und weitere Landesteile geprägt haben, was sie mit anderen Dynastien verbunden hat und wodurch sie sich von diesen unterschieden“, ergänzt Kurator Andreas Vetter. Er zeigt auf eine große Vitrine aus Panzerglas, in der preußischen Kronjuwelen – zwei Kronen aus purem Gold, Zepter, Reichsapfel, zwei Reichsschwerter und Reichssiegel – einbruchs- und diebstahlsicher samt dazu gehörigen Scplen effektvoll präsentiert werden. Doch auch eine Pickelhaube aus der Zeit nach 1860 hat es als Inbegriff preußischen Militarismus und feudaler Soldatenherrlichkeit in die Ausstellung geschafft, verbunden mit dem Hinweis, dass ein in die Höhe über dem Kopf gestreckte Mittelfinger in der internationalen Gebärdensprache als „typisch deutsch“ gilt.

Das Motto des preußischen Hausordens „Vom Fels zum Meer“ fasst die Ausbreitung der Hohenzollern über Deutschland exzellent zusammen.

Hausorden und Medaillen

Aus dem Depot geholt wurden der preußische Hausorden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und kostbare Medaillen mit Monarchenbildnissen. Der von König Friedrich Wilhelm IV. von seinen schwäbischen Verwandten übernommene Hausorden drückt mit dem Motto „Vom Fels zum Meer“ treffend aus, dass die aus dem deutschen Süden stammenden Hohenzollern von ihrer Burg bei Hechingen herabstiegen und sich mit List und Tücke, durch Heirat und vor allem durch Krieg weite Landesteile bis hin zum fernen Herzogtum Preußen, dem Namensgeber des 1947 von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs abgeschafften Preußenstaates, untertan machten. Als historisches Dokument und Kunstwerk der Barockzeit besser als bisher gewürdigt wird ein mit bunten Federn geschmückter Toten- und Paradehelm aus vergoldetem Metall, den man dem Sarg des 1688 verstorbenen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und danach allen anderen Preußenherrschern auf einem Kissen mit weiteren Insignien vorangetragen hat. Am Hals des Helms prangt ein wundervolles Medaillon mit dem Bildnis des Begründers der modernen preußischen Monarchie.

Die Medaille feiert die Vermählung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit Luise Henriette von Oranien im Jahr 1644.

Als Kurfürst Friedrich III., ab 1701 König Friedrich I. in Preußen, 1684 die braunschweigische Prinzessin Sophie Charlotte heiratete, hat man diese Medaille geprägt. Sie ist Namensgeberin der Stadt und des Schlosses Charlottenburg.

Zu sehen ist eine kleine, aber feine Auswahl von Silbermedaillen, die anlässlich von Hochzeiten und anderen wichtigen Ereignissen im Herrscherhaus geprägt wurden. Dazu gehören eine undatierte Medaille auf die Vermählung des Großen Kurfürsten mit Luise Henriette von Oranien, der Namensgeberin von Oranienburg, und eine auf die Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm (1888 Kaiser Friedrich III.) mit der englischen Prinzessin Victoria im Jahr 1858. Da man in Ausstellungen zumeist nur eine Seite betrachten kann, sind in einem Spiegel darunter auch die Kehrseiten zu sehen. Außerdem kann man mit leichter Handbewegung am Monitor vergrößerte Aufnahmen und erklärende Texte sichtbar machen. Die Medaillen stammen aus der Sammlung der Grafen zu Dohna-Schlobitten, die die Preußische Schlösserstiftung vor vielen Jahren erworben hat. Dass überhaupt in einer solchen hochkarätig bestückten Ausstellung geprägtes Metall als wichtige Geschichtedokumente und Kunstwerke gezeigt werden, verdient ein Lob, denn normalerweise spielen Münzen und Medaillen zu Unrecht dort ein Mauerblümchendasein. Da die aktuelle Ausstellung noch um einige Räume erweitert werden soll, wäre es wünschenswert, dort weitere Medaillen, aber auch Münzen aus dem Besitz der Schlösserstiftung als Zeugnisse für monarchische Selbstdarstellung und zur Frage zu zeigen, womit all die Pracht bezahlt wurde.

Die Hochzeit des späteren Kaisers Friedrich III. 1858 mit der englischen Prinzessin Victoria war die Prägung dieser Medaille wert.

Ausstellungsinfos

Ort: Schloss Charlottenburg

Öffnunsgzeiten: Di–So, 10–16.30 Uhr, ab April bis 17.30 Uhr

Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro

Weitere Infos: www.spsg.de.

Fotos in diesem Beitrag: Helmut Caspar