• Michael Kurt Sonntag

Ein äußerst seltener Silberstater von Abdera


Abdera, einer der ältesten griechischen Städte Thrakiens, wurde um 656 v. Chr. von ionischen Griechen aus Klazomenai gegründet und befestigt, aber Anfang des 6. Jhs. v. Chr. von den einheimischen Thrakern zerstört. Um 545 v. Chr. gründeten Ionier aus Teos die Stadt Abdera etwas weiter südlich neu, die dann um 512 v. Chr. von den Persern eingenommen wurde, die sie als Ausgangsbasis für ihre Operationen in Thrakien benutzten. Seit 478 v. Chr. war Abdera Mitglied des Ersten Attisch-Delischen Seebunds.

In Abdera prägte man im 4. Jh. v. Chr. eine ganze Reihe silberner Statere im Aiginäischen Münzfuß (1 Stater = ca. 12,5 g). Diese zeigen auf ihren Vorderseiten stets einen nach links sitzenden oder nach links aufspringenden Adlergreif, der das Wappen Abderas war – ein Wappen, das Abdera von seiner Mutterstadt Teos übernommen hatte. Auf den unterschiedlich gestalteten Rückseiten finden sich dann Athena, Hera, Apollon, Artemis, Pan, Dionysos, Hermes, Herakles, aber auch Jason, ein Satyr, ein Reiter, ein Athlet und einiges mehr.

Abdera (Thrakien): Stater (um 390/365–361/360 v. Chr.), Silber, 12,40 g, Ø [Höhe Rs.] 24 mm, Münzstätte Abdera.

Quelle: Hess Divo, Auktion 335 (6. Dezember 2018), Los 21

Dionysos erscheint auf diesen Stateren entweder als bärtiger Kopf mit Efeukranz oder aber als halbnackter jugendlicher Gott, der auf einen Panther gelagert ist und mit der Linken einen Thyrsos und in der ausgestreckten Rechten einen Kantharos hält. Die umlaufende Legende 𝛦𝛱 𝛢𝛲𝛪𝛴𝛵𝛢𝛤𝛰𝛲𝛦𝛺 nennt Aristagores als den Beamten, unter dem die Münze geprägt wurde.

Efeukranz, Kantharos und Thyrsos sind die Attribute des Dionysos, der Panther ist das ihm heilige Tier. Dass Dionysos auf dem Panther liegt, ist also ikonografisch betrachtet nicht rein zufällig, sondern wohl begründet. Allerdings ist dieses Bildmotiv in der griechischen Numismatik sehr selten. „Die Darstellung des auf einem Panther gelagerten Dionysos finden wir in der klassischen griechischen Münzprägung sonst nur in Kyzikos, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts.“ (Kunstfreund ..., S. 193) Aber nicht allein das Bildmotiv, sondern auch der Silberstater selbst ist äußerst selten. Das Auktionshaus Hess Divo spricht diesbezüglich vom vielleicht erst zweiten bekannten Exemplar.

Für Dionysos und seine Gemahlin Ariadne war der Panther aber weit mehr als nur ein Tier, auf dem man ab und an lagernd befördert werden konnte. Denn wie beispielsweise die nachfolgende Skulpturengruppe veranschaulicht, fuhren Dionysos und Ariadne zu ihren rauschenden Festen und Gelagen „standesgemäß“ in einer von vier Panthern gezogenen Quadriga.

„Dionysos und Ariadne“ auf der Exedra der Semperoper in Dresden.

Foto: Michael Kurt Sonntag