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Deutscher Medailleurpreis 2018 für Allmuth Lohmann-Zell: Laudatio


Am 20. Oktober 2018 erhielt Allmuth Lohmann-Zell im Alten Rathaus in Suhl den Deutschen Medailleurpreis 2018, der von der Stadt Suhl zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst vergeben wird. Die Laudatio hielt die Bildhauerin und Medailleurin MAYA GRABER, der wir für die Erlaubnis zum (leicht gekürzten) Abdruck danken.

TRANS

TRANSISTORRADIO,

TRANSPORTER

TRANSAKTION,

TRANSKAI

TRANSLATION

TRANSMISSION

TRANSFORMATION,

TRANSFUSION,

TRANSIT.

TRANSPARENZ,

TRANSZENDENZ

TRANS

TRANSIDENT

TRANSMENSCH

TRANS

Ist das verwirrend?

TRANS

TRANSIDENT

TRANSMENSCH

Die Vielzahl der Wörter, die mit „Trans“ beginnen, zeigt bereits die Weite, welche die Wortbedeutung birgt. Im Duden steht zum Wortteil „Trans“: hindurch, quer durch, hinüber, jenseits, über etwas hinaus. […]

Ich stelle die Medailleurin kurz vor: 
Geboren in Parchim 1974, lernt sie zuerst Krankenschwester. Nach einem kurzen Abstecher an die UdK in Berlin studiert Almuth Lohmann-Zell Keramik. Dies im Fachbereich Plastik an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Bereits bei ihrem Diplom manifestiert sich ihr Bezug zur Bildhauerei in ausdrucksstarken Porträtköpfen. Ihre zahlreichen Ausstellungen zeigen neben plastischen Arbeiten auch immer wieder Medaillen. Dieses Jahr zum Beispiel präsentierte sie ihre Werke in Ottawa (Kanada) und in der Medaillenausstellung an der Humboldtuniversität in Berlin.

Seit zehn Jahren arbeitet sie freiberuflich in Halle „ständig selbst“ wie sie es nennt.

Ihre zwei Kinder sind inzwischen im Teenageralter. Atelierarbeiten, Familie, im Nebenamt Unterricht an einer freien Schule in Keramik – die Künstlerin ist von einem vielseitigen Alltag geprägt.

Seitenwechsel, Perspektivenwechsel, TRANSIDENT.

Die Medaille ist rund und steht auf einem Kreuz. Die Kontur ergibt das Symbol eine Frau, aber nicht nur: oben rechts steht ein kleiner Stipsel ab. Es sind keine perfekten geometrischen Formen, der Kreis ist an zwei Stellen aufgebrochen, die Kanten sind eher weich. Auf der gewölbten Seite der Medaille – wir wissen nicht, was vorne und was hinten ist – erkennen wir zwei kräftige Buchstaben. Eigentlich ein Doppel-X, doch bei dem rechten X ist irgendwie das eine Bein gebrochen. Es wirkt wie halbfertig angelegt, wächst es wieder an? Oder ist es ein neues Glied am Buchstaben und wir haben es also eher mit einem Ypsilon zu tun? Außerdem sieht das gebrochene Bein wie ein Pfeil aus. Was hat es mit diesen Buchstaben auf sich?

Die nach innen gewölbte andere Seite der Medaille hilft uns nur bedingt weiter. Wir erkennen einen Menschen von hinten, die Arme erhoben. Ein Mensch, der um Hilfe fleht? Ein Mensch, der seine Arme dem Leben entgegen streckt?

Einen Hinweis erhalten wir durch das eingeritzte Wort auf dem Kreuz. Dort steht „IDENT“, ein nackiger Wortteil, der sich erst mit dem Seitenwechsel der Medaille zu TRANSIDENT erschließt.

Transident, eine Transidentität: eine Quer-Identität also, ein querer Mensch, einer, der nicht den von der Gesellschaft vorgegeben Linien folgt, sondern jenseits steht oder hindurch geht. Eine Bezeichnung, die Menschen verwenden, deren Körpergefühl nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht oder deren Körper mehrgeschlechtlich sind.

Das biologische Geschlecht eines Menschen wird durch seine Chromosomen bestimmt. XX steht für eine Frau, XY steht für einen Mann. Das wird SEXUS genannt. Unsere Geschlechtsidentität wird jedoch noch von anderen Faktoren beeinflusst. Zum einen gibt es Abweichungen im Chromosomensatz und unsere Hormone tragen ihren Teil dazu bei. Zum anderen spielen soziale und gesellschaftliche Prägungen eine wichtig Rolle, wie wir Geschlecht wahrnehmen. So benennt nicht nur die Forschung heute ein weiteres Geschlecht, das soziale Geschlecht: Es wird GENDER genannt. Je nach Ausprägung des sozialen Geschlechtes kann sich ein Mensch mit seinem biologischen Geschlecht wohler oder unwohler fühlen. Sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht prägen uns, machen uns zu dem speziellen Menschen, der wir sind.

Die Arbeiten von Almuth Lohmann-Zell sind vielfältig. Neben Medaillen entstehen in ihrem Hallenser Atelier Gefäße und keramische Plastiken. Sie sprudelt vor Ideen und setzt diese in ihrer sensiblen und stillen Art um, die immer mal Schalk durchblitzen lässt. Ihre Gefäße werden oft von feinen Zeichnungen geziert – mal sind es Vögel, Fische oder Insekten. Sie schicken Betrachter und Benutzer auf Reisen. Eine Art Reisende sind auch ihre Taubenplastiken, die alle einen individuellen Menschenkopf tragen und so verschiedenste Charakterzüge zeigen, die von einer großen Empathie und Wärme erzählen. Almuth Lohmann-Zell hat ein ausgeprägtes Gefühl für feine Formen. Diese trifft man besonders in Reliefs auf ihren großartigen Medaillen, so auch in der Figur auf der Preismedaille.

Wie ist die Medaille entstanden?

Almuth Lohmann-Zell erlebt in ihrem Umkreis eine Geschichte von einem Mädchen, das als Junge Thomas geboren wurde. Mit sechs Jahren stellt sich Thomas im Kindergarten vor die Klasse und verkündet, er sei ab sofort Nina.

Ein Tumult bricht los. Ninas Mutter respektiert der Wunsch ihres Kindes und unterstützt es, wo sie kann. Die Schule erlaubt dem Kind sein Wunschgeschlecht nicht, da es mit einem Jungennamen eingetragen ist. Um dies zu ändern, müsste der Vater seine Einwilligung geben. Das tut er jedoch nicht, weil er denkt, sein Kind sei noch zu klein, um eine selbstständige Entscheidung zu fällen.

Was passiert? Es kommt zu Gerichtsverhandlungen zwischen den Eltern, bei denen die Mutter für das Wunschgeschlecht ihres Kindes kämpft. Erst das Bundesgericht gibt ihr Recht, inzwischen sind Jahre vergangen und Nina ist elf Jahre alt.

In der Schule und bei Wochenendbesuchen bei Papa lebt sie als Thomas, zuhause und in ihrer Freizeit darf sie Nina sein.

Was macht das mit diesem Kind?

Diese Geschichte hat unsere Preisträgerin so berührt, dass sie zu dieser Medaille angeregt wurde.

Wer hat mehr Recht über ein Geschlecht zu entscheiden als die Person, der es gehört?

Wieso gibt es überhaupt so starre Geschlechterrollen? Nina-Thomas ist doch in erster Linie ein Kind, ein Mensch!

Was verliert diese Gesellschaft, wenn sie sich den sozialen Geschlechtern öffnet?

Wird sie nicht bunter, vielfältiger – spannender?

Meist wird auf solche Fragen die Natur zitiert, welche zur Fortpflanzung eben Männlein und Weiblein geschaffen habe. Aber gerade die Natur macht die Vielfalt vor, die auch zur Menschheit gehört: Im Pflanzenreich ist die Zwittrigkeit weit verbreitet. Im Tierreich ist die Süßwasserschnecke für ihre Zweigeschlechtlichkeit berühmt und kann sich trotzdem paaren. Weit verbreitet ist die Mehrgeschlechtlichkeit bei den wirbellosen Tieren, kommt aber ebenso bei verschiedensten Säugetierarten vor. In vielen Naturvölkern wird und wurde Hermaphroditen eine führende Rolle gegeben – als Schamanen oder Priester, weil sie als Besonderheit der Schöpfung Gott näher stehen.

Geschlecht lässt sich also nicht einfach in zwei Rollen drängen.

Die Preismedaille entsteht also aus einer persönlichen Erfahrung: Zeitgleich erfolgt der Aufruf vom FIDEM-Kongress in Ottawa 2018, als Beitrag eine spezifische Frauen-Medaille zu schaffen. In ihrem inneren Diskurs sträubt sich Almuth Lohmann-Zell, sich auf diese geschlechtsorientierte Ausschreibung einzulassen, da sie etwas Ausschließendes hat.

Entstanden ist diese klare Medaille, die sowohl das Frauen- wie auch das Männersymbol vereinigt, indem das Wunschchromosom auf der gewölbten Seite mit der Pfeilspitze des Männersymbols ergänzt wird – aus zwei Geschlechtern wird also eins gemacht oder, anders formuliert, es entsteht etwas Neues, Weiteres, das die Zweigeschlechtlichkeit ergänzt.

So sehen wir nun in der nach innen gewölbten Fläche einen Menschen von hinten, der in einem freudigen Gruß die Morgensonne umarmt.

Wir sehen eine Medaille, welche die Möglichkeiten ihres Mediums auf hervorragende Weise ausschöpft:

- Sie erschließt sich nur mit dem Seitenwechsel.

- Sie stellt Fragen, will entschlüsseln und klärt damit auf.

- Sie kann Denkweisen öffnen, indem sie anregt, über eigene Werte nachzudenken.

- Sie gibt Menschen, die oft versteckt leben, eine Stimme.

Der Betrachter wird eingeladen, selbst immer mal wieder die Seiten zu wechseln, seine Schubladen zu überprüfen, seinen Blickwinkel neu einzustellen.

Nebst der Preisträgerin gebührt in diesem Falle auch der Jury ein großes Kompliment: Zu ihrer mutigen Wahl, eine Medaille auszuzeichnen, die ein gesellschaftlich und soziokulturell relevantes Thema an die Öffentlichkeit bringt. Ein Thema, das aktuell ist: Transidente Menschen werden in der Gesellschaft sichtbarer. Ihre Inhalte werden öffentlich diskutiert, in Filmserien und anderen Medien thematisiert. Eine Medaille also, die zum Diskurs anregt. Die Jury zeigt damit, welche Kraft eine zeitgenössische Medaille entwickeln kann, indem sie einem für viele unbekanntem und vielleicht sogar unbequemem Thema ein Sprachrohr gibt.

TRANS

TRANSIDENT

TRANSMENSCH

Möge diese Medaille von Hand zu Hand die Seiten wechseln!

Vergabe des Deutschen Medailleurpreises 2018 am 20. Oktober 2018 im Alten Rathaus in Suhl; v.l.n.r.: Dr. Martin Hirsch (Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medaillenkunst), Marina Heller (Vorstandsvorsitzende der Rhön-Rennsteig-Sparkasse), Allmuth Lohmann-Zell (Preisträgerin), Jan Turczynski (Bürgermeister der Stadt Suhl). Foto: Manuela Hahnebach