• Michael Kurt Sonntag

Istros: Einmalige Silberstücke im Repertoire griechischer Münzen


Istros (auch Istrie oder Histropolis, heute Histria genannt) war eine griechische Stadt, die sich an der Westküste des Schwarzen Meeres an der Lagune Sinoe ca. 60 km nördlich von Tomis befand. Von Kolonisten aus Milet im 7. Jh. v. Chr. gegründet, entwickelte sich Istros im 6. Jh. v. Chr. zu einer der bedeutendsten griechischen Kolonien an diesem Küstenstreifen. Istros stand in regen Handelsbeziehungen mit Milet, Rhodos, Samos, Korinth und Athen. Eine der wichtigsten Einkommensquellen während der gesamten Geschichte der Stadt war der Fisch des Donau-Deltas und der benachbarten Lagunen. Doch auch eine florierende Landwirtschaft sowie Kupfer- und Eisenerze aus der näheren Umgebung von Istros oder Steine aus den Steinbrüchen von Sinoe trugen zum Wohlstand der Polis bei. Um 425 v. Chr. war die Stadt Mitglied im attischen Seebund. Unter Alexander dem Großen gelangte Istros ebenso wie eine Reihe anderer westpontischer Städte in den Herrschaftsbereich der Makedonen. Nach Alexanders Tod übernahm Lysimachos dort die Macht, belegte die Städte mit hohen Steuern und zwang sie, seine Truppen in ihren Mauern aufzunehmen. Die Folge war eine Revolte, die nach anfänglichen Erfolgen jedoch niedergeschlagen wurde. Freiheit und Autonomie erlangten diese Poleis erst wieder nach dem Tod des Lysimachos 281 v. Chr. In hellenistischer Zeit folgte dann ein plötzlicher Niedergang von Istros. Im Konflikt zwischen Mithradates VI. Eupator einerseits und Rom andererseits stand die Polis auf Seiten der Koalition der pontischen Städte, d. h. auf Seiten des Mithradates, geriet aber 72/71 v. Chr. in die Abhängigkeit Roms. Um die Mitte des 1. Jhs. v. Chr. wurde die Stadt zweimal in relativ kurzen Abständen vom Getenkönig Burebista zerstört. Wiederaufgebaut wurde sie erst während der Herrschaft der Römer, die dort mit dem Regierungsantritt des Augustus Einzug hielt.

Auch wenn die Götter Apollon, Zeus, Dionysos, Aphrodite und Demeter im antiken Istros besondere Verehrung genossen, so galt die bedeutende Silberemission der Stadt nicht ihnen. Die von ca. 500 v. Chr. bis in die Zeit des Lysimachos (um 313 v. Chr.) geprägten Silbermünzen von Istros haben nämlich allesamt eine ungewöhnliche Vorderseitendarstellung – zeigen sie doch alle zwei in Frontalansicht wiedergegebene jugendliche divergierende Köpfe. Wen diese beiden Köpfe darstellen sollen, darüber ist viel diskutiert und spekuliert worden, ohne allerdings zu einem einheitlichen Ergebnis zu kommen. So haben einige Numismatiker den Vorschlag gemacht, „dieser befremdliche Typ beziehe sich auf einen geographischen, in der Antike weitverbreiteten Mythos über die beiden Flußarme der Donau. Einer von ihnen ergießt sich ins Schwarze Meer, während man vom dem anderen vermutete, er münde in die Adria“ (Jenkins/Küthmann, S. 134). Andere Numismatiker sehen in diesen beiden Köpfen die Porträts der Dioskuren (der Zwillingssöhne des Zeus) Kastor und Polydeukes; andere wiederum das zweifache Abbild des Sonnengottes Helios – einmal als aufgehende und dann als untergehende Sonne. Völlig anders die Erklärungsversuche derer, die diese Köpfe als Symbol des istrischen Ost-Westhandels oder gar als die Personifizierung der Winde oder der Wasserströmungen interpretieren. Doch unabhängig davon, welche Interpretation nun letzten Endes die Richtige ist – falls es eine solche überhaupt gibt –, bleibt dieser Münztypus eine einmalige Wiedergabe im Repertoire der griechischen Münzen – zumindest was seine Vorderseitendarstellung angeht. Das Rückseitenmotiv mit dem Seeadler auf Delphin – welches das Stadtwappen von Istros darstellt – findet sich nämlich leicht abgewandelt auch auf den Münzen der pontischen Städte Sinope und Olbia.

Istros (Moesien): Drachme (4. Jh. v. Chr.), Silber, 5,23 g, Ø (Höhe, Vs.) 17,97 mm, Münzstätte Istros. Quelle: Numismatik Lanz, Auktion 106 (26–27. November 2001), Los 34