• Sven Günther (IHAC, NENU, Changchun)

Neue, bilinguale Variante des Doppelporträtdenars von Kleopatra VII. und Marcus Antonius (RRC 543/1


Wenn es gilt, rätselhafte Stücke der antiken Münzprägung zu lösen, hilft oft ein Neufund in Kombination mit den anderen Methoden der Numismatik. Der Doppelporträtdenar von Marcus Antonius und Kleopatra VII. ist ein klassisches Beispiel dafür, wie enigmatisch Münzbild, -aufschrift und sogar historischer Kontext sein können.

Der klassische Typ des Denars (nach Crawfords Standardwerk Roman Republican Coinage = RRC 543/1) bietet der Forschung genug Stoff zum Nachdenken (Abb. 1). Bereits heftig umstritten war bislang, ob das Porträt von Marcus Antonius oder von Kleopatra VII. den Avers bildet. Während ersteres die Münze in den Autoritätsbereich des Triumvirs und Gegners Oktavians verorten würde, wäre letzteres mit Kleopatra als Prägeherrin, wenn der Denar für den „normalen“ Umlauf gedacht gewesen wäre, sicherlich eine weitaus größere Provokation für „römische Augen“.

Allerdings war nun die historische Situation eine komplexe. Sie führt uns in das Jahr 34 v. Chr., als Marcus Antonius seinen ehemaligen Verbündeten König Artavasdes von Armenien durch einen Truppeneinmarsch gefangennahm und das Gebiet als Basis für spätere Operationen zu kontrollieren suchte. In einer dem römischen Triumph ähnlichen, aber bewusst im östlich-dionysischen Stil abgehaltenen feierlichen Prozession in Alexandria im Herbst 34 v. Chr. inszenierte sich Marcus Antonius als Sieger über Armenien und proklamierte Kleopatra sodann in einer Versammlung der Alexandriner zur „Königin der Könige“. Auch Ptolemaios Kaisarion, der weithin anerkannte Sohn Caesars und Kleopatras, und (nach dem Biografen Plutarch) auch die Söhne des Antonius mit der Königin, Alexander Helios und Ptolemaios Philadelphos, wurden mit dem Titel „König(e) der Könige“ angesprochen und erhielten Herrschaftsgebiete zugeteilt (Plutarch, Antonius-Vita 54,3–6; Cassius Dio, Römische Geschichte 49,40,3–41,4). Letzteres war von Antonius als geschickter euergetischer Akt gedacht, wurde jedoch vom politischen Gegner, allen voran Oktavian, als Preisgabe und Verschenken römischem Territoriums beziehungsweise Einflussgebietes gedeutet und auch so progadanistisch ausgeschlachtet.

Die „Schenkung von Alexandria“ markiert nun den terminus post quem für unseren Denartyp, der Kleopatra mit Diadem und Marcus Antonius auf jeweils einer Seite zeigt, da der Armeniensieg mit der Legende ARMENIA DEVICTA („nachdem Armenien völlig besiegt ist“) auf der Antonius-Seite (ANTONI ist im Genitiv, als „(Prägung) des Antonius“) und die Titulatur CLEOPATRAE REGINAE REGVM FILIORVM REGVM auf der Kleopatra-Seite erscheinen. Letzteres ist wohl als Auflistung „(Prägung) der Kleopatra, Königin der Könige (und) der Söhne von Königen“ im persischen Titularstil zu lesen, könnte jedoch auch ihre Söhne mit einbeziehen: „(Prägung) der Kleopatra, Königin der Könige, (und Prägung) der Söhne, der Könige“, womit eine direkte Verbindung zum Akt in Alexandria gesichert wäre.

Allerdings hat Wilhelm Hollstein („Zwischen Brundisium und Actium: Zur Lokalisierung und Datierung der Münzen des M. Antonius.“ In: F. Haymann, W. Hollstein und M. Jehne (Hrsg.): Neue Forschungen zur Münzprägung der Römischen Republik. Beiträge zum internationalen Kolloquium im Residenzschloss Dresden 19.–21. Juni 2014. Bonn 2016, 245–278, bes. 266–268) jüngst auf die doch sehr nachlässig geschnittenen Stempel dieses Typs mit sehr verzerrenden und variierenden Porträts hingewiesen. Er schließt daher einen direkten Reflex der Prozession und der „Schenkung“ von Alexandria in der Prägung aus, da dies weitaus professioneller in einer normal arbeitenden Münzstätte umgesetzt worden wäre. In Verbindung mit Münzhortfunden und Parallelen der Stilistik von Tetradrachmen im syrisch-phönizischen Raum (RPC I 4094–4096; Abb. 3) nimmt er stattdessen eine Prägung in Nordsyrien im Zuge des zweiten Armenienzuges des Antonius im Jahre 33 v. Chr. im Zuge der Vorbereitungen für einen Feldzug ins parthische Reich an (Cassius Dio, Römische Geschichte 49,44,1–4); diese könnte aufgrund von bulgarischen Hortfunden auch noch im Jahre 32 v. Chr. fortgesetzt respektive wiederaufgenommen worden sein. Dies würde auch die beiden Beizeichen auf dem Denartyp erklären: auf der Kleopatra-Seite die Schiffsprora ob des Engangements der Königin beim Kriegsschiffsbau (vgl. Plutarch, Antonius-Vita 56,1), wofür gerade die ihr zugestandenen Gebiete dienten (vgl. H. Buchheim: Die Orientpolitik des Triumvirn M. Antonius. Heidelberg 1960, 73–74); auf der Antonius-Seite die armenische Tiara entweder als Beweis seiner dort stationierten beziehungsweise später von dort mitgebrachten Landheermacht (so Hollstein, a.a.O., 268) oder des erneut formulierten Anspruches auf dortige Ressourcen. Ebenso dürfte eine Prägung im unmittelbaren Einflussgebiet Kleopatras nahelegen, dass sie auf dem Avers erscheint, wofür es Hinweise durch Wölbung einzelner Stücke und Fehlprägungen gibt (vgl. HCRI 228 m. Anm. 150; Hollstein, a.a.O, 267 m. Anm. 171).

Ein ergänzendes Mosaiksteinchen liefert nun eine Variante des Denartyps, die im Jahr 2017 bei Numismatica Ars Classica versteigert wurde (Abb. 2). Während die Antonius-Seite dem Normaltyp entspricht, trägt die Kleopatra-Seite zwar das typische Porträt, die Legende ist jedoch in griechischer Sprache und mit augenscheinlich schlechtem Stil und abgenutztem Stempel wiedergegeben. Die Legende lautet: ΚΛΕΟΠΑΤΡA[c?] ΒΑCΙΛICCΗC ΒΑCΙΛΕΩΝ Τ...N. Entgegen der Auktionsbeschreibung kann man wohl das Genitiv-S beim Namen ergänzen, da der nachfolgende Titel basilissa = regina („Königin“) ebenfalls im Genitiv erscheint; aufgrund der Abbildungsqualität ist unklar, ob sich nicht sogar Reste des Genitiv-S unmittelbar vor der Prora erkennen lassen. Da aber auch lateinische Varianten der Legende mit der fehlenden Genitiv-Endung vorkommen (vgl. HCRI p. 227, Nr. 345), sollte man den eventuell fehlenden Genitiv nicht als Höherstellung Kleopatras im Nominativ gegenüber Marcus Antonius überinterpretieren, sondern auf die nicht normalen Umstände der Münzprägung zurückführen. Jedenfalls hat man in diesem erhaltenen Legendenteil die griechische Entsprechung für die lateinische Titulatur CLEOPATRAE REGINAE REGVM. Man ist versucht, beim fragmentarischen Rest etwa T[ων υιω]N (tōn huiōn = „der Söhne“) oder ähnliches zu ergänzen, was dann FILIORVM spiegelte und somit eher auf die Söhne Kleopatras denn auf eine weitergeführte Titulatur verwiese.

Obschon sich das Legendenproblem derzeit nicht lösen lässt, macht dieser Neufund deutlich, dass die Annahme Hollsteins einer Prägung in Eile und im unmittelbaren Einflussbereich Kleopatras im syrisch-phönizischen Raum einiges für sich hat. Ebenso verrät sie, dass entweder die Tradition der benutzten Münzstätte oder eine konkrete Zielgruppenorientierung (ptolemäische Truppenteile) zur griechischen Variante führte. Die ungewöhnlich unregelmäßige Stempelstellung (4h im Gegensatz zur überwiegend vorherrschenden zwischen 11-1h (80%); vgl. die Tabellen zur Stempelstellung in F. Haymann, W. Hollstein und M. Jehne (Hrsg.), a.a.O., 393–410, hier: 408) weist ebenfalls auf einen anderen Prägeort als für die Mehrheit der Stücke hin. Inwieweit diese Variante nicht weiter ausgeprägt wurde, da hier nun tatsächlich der „griechische Osten“ die Oberhand über das „lateinische Imperium Romanum“ gewann, ob Marcus Antonius etwa die Sprengkraft dieser Ausgestaltung erkannte und auf eine lateinische Version drängte, ist derzeit nicht zufriedenstellend zu beantworten. Für Oktavian und die Antonius-Gegner wäre es mit dieser Prägung sicherlich noch leichter gefallen, Antonius als „hörigen Sklaven“ der ägyptischen Königin in der Öffentlichkeit zu diffamieren.

AR-Denar, 3,72 g. Unbekannte Münzstätte, zwischen 34 und 32 v. Chr. Avers: Drapiertes Porträt der Kleopatra mit Diadem n.r., Prora am unteren Rand der Porträtbüste; Legende: CLEOPATRAE·REGINAE·REGVM·FILIORVM·REGVM. Revers: Kopf des Marcus Antonius n.r., dahinter (armenische) Tiara; Legende: ANTONI· ARMENIA·DEVICTA.

Kataloge: HCRI 345; RBW 1832; RRC 543/1; Albert 1701 Ex: Numismatica Ars Classica, Auktion 106 (9.5.2018), Los 524

AR-Denar, 3,71g, 20 mm, 4 h. Unbekannte Münzstätte. Avers: Drapiertes Porträt der Kleopatra mit Diadem n.r., Prora am unteren Rand der Porträtbüste; Legende (Griechisch): ΚΛΕΟΠΑΤΡA[c?] ΒΑCΙΛICCΗC ΒΑCΙΛΕΩΝ Τ...N. Revers: Kopf des Marcus Antonius n.r., dahinter (armenische) Tiara; Legende: ANTONI•ARMENIA•DEVICTA.

Kataloge: – ; vgl. HCRI 345; RBW 1832; RRC 543/1; Albert 1701

Ex: Roma Numismatics, Auktion XIII (23.3.2017), Los 663

AR-Tetradrachme, 14,88 g, 12 h. Unbekannte Münzstätte (Antiochia?). Avers: Drapiertes Porträt der Kleopatra mit Diadem n.r.; Legende: ΒΑCΙΛΙCCΑ ΚΛΕΟΠΑΤΡΑ ΘΕΑ ΝΕΩΤΕΡΑ. Revers: Kopf des Marcus Antonius n.r., dahinter Pferdekopf n.r.; Legende: [ΑΝΤΩΝΙΟ]C ΑΥΤΟΚΡΑΤΩΡ ΤΡΙΤΟΝ ΤΡΙΩΝ ΑΝΔΡΩΝ.

Katalog: RPC I 4095

Ex: Classical Numismatic Group, Mail Bid Sale 69 (8.6.2005), Los 1370