• Rainer Albert

Antike: Der H-Denar


Denar, 211-210, Münzmeisterzeichen „H“, Mzst. im südöstl. Italien, 4,38 g

Av: Behelmter Romakopf n.r., dahinter Wertzeichen X., Rv: Dioskuren mit Lanzen n.r. galoppierend, über den Köpfen je ein gepunkteter Stern, darunter H, unten ROMA in Rahmen.

Foto: Numismatica Ars Classica, Zürich, Auktion 106 (2018), Nr. 358, Schätzpreis 7500 CHF, Ergebnis 14000 CHF

Numismatica Ars Classica, Zürich, versteigerte im Mai 2018 das abgebildete Exemplar des seltenen „H-Denars“. Diese Denar-Emission mit dem Münzmeisterzeichen (?) „H“ ist seit 1860 bekannt, wurde jedoch 1975 von Crawford als falsch eingestuft und nicht in sein Standardwerk „Roman Republican Coinage“ aufgenommen, weil die drei ihm bekannten Exemplare plattiert waren. Richard Witschonke (The H Denarius Rehabilitated. In: The Numismatic Chronicle, Vol. 168 (2008), S. 141–144) konnte belegen, dass es den H-Denar als offizielle republikanische Prägung tatsächlich gibt und die Prägereihe mit dem Münzzeichen „H“ damit komplett ist. Sie bestand nach der Auffassung von Crawford nur aus den Nominalen Quinar, As, Semis, Triens, Quadrans, Sextans und Unica. Das 211 v. Chr. neu eingeführte höchste Nominal, der Denar, rundet jedoch diese Reihe erwartbar ab. Der BMC verzeichnete 1910 ein plattiertes Exemplar des Denars in den Beständen des British Museum (BMC Rep., Bd. 2, Nr. 196, S. 193, Coinage of Italy). Das H, das auf der Rückseite als besonderes Merkmal zu sehen ist, wurde oft als Initial für eine Münzstätte in Hatria oder Herdonea gedeutet, der BMC weist es Herdonea zu.

Im Katalogtext von Numismatica Ars Classica, Zürich, Auktion 106, gibt es zu der frühen Denarprägung noch verschiedene Erläuterungen: Der Denar (wörtlich „Zehner“) wurde um 211 v. Chr. als Reaktion auf die römischen Finanzkrisen in Verbindung mit Hannibals Einfall in Italien und dem andauernden Zweiten Punischen Krieg (218-201 v. Chr.) als neues Nominal eingeführt. Nach der katastrophalen römischen Niederlange in der Schlacht von Cannae (216 v. Chr.) wurde die Silberknappheit in Rom akut und die Stadt hatte Schwierigkeiten, ihre Truppen in Spanien und Sizilien gegen den karthagischen Feind zu finanzieren. Die Krise wurde nur durch eine vollständige Überholung des römischen Währungssystems gelöst, das die alten Quadrigati-Didrachmen und schweren Bronzen beseitigte und durch ein neues System auf der Grundlage des neuen Denars und seiner Unterteilungen ersetzte.

Die Vorderseiten der Denarprägungen zeigen den Kopf der Roma mit ihrem unverwechselbaren phrygischen Helm – eine Anspielung auf ihren von den Römern behaupteten trojanischen Ursprung – und trägt die Zahl X, um den Nennwert der Münze zu verdeutlichen: 10 Asse. Die Dioskuren sind auf der Rückseite als göttliche Patrone des römischen Staates dargestellt. Nach der Überlieferung wurde Rom nach dem Sturz der etruskischen Könige und der Gründung der römischen Republik von der nahe gelegenen Stadt Volsci und der Lateinischen Liga unter der Führung des abgesetzten Tarquinius Superbus bedroht. Um dieser Bedrohung zu begegnen, ernannte der römische Senat Aulus Postumius Albus 496 v. Chr. zum Diktator. Mit großer Geschwindigkeit führte er die römischen Truppen an den Feind in der Nähe des Sees Regillus und besiegte die Lateiner vor der Ankunft der Volsker. Während der Schlacht sollen die Dioskuren, die Zwillingsbrüder Castor und Pollux, als strahlende Reiter zur Unterstützung der Römer aufgetreten sein. Nachdem Postumius im Triumph nach Rom zurückgekehrt war, weihte er den Dioskuren einen Tempel. Die Dioskuren blieben bis 170 v. Chr. die Standard-Rückseite der römischen Denare.