• Sebastian Wieschowski

Milchflecken: Eine mysteriöse Pest belastet Sammler und Münzkabinette


Sie tauchen plötzlich auf, verdecken mit einem milchigen Überzug die glänzende Oberfläche von Silbermünzen und gelten als Schreckgespenster für Sammler, denn sie lassen sich nicht ohne Beschädigung entfernen: Milchflecken sind ein ungeklärtes Mysterium, welches die Freude am Münzensammeln trübt. Und im März 2017 sorgte das Phänomen sogar für überregionales Medieninteresse - denn damals war nicht eine Privatperson betroffen, sondern eine komplette Münzausstellung: Das Münzkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden musste Mitte des Monats praktisch über Nacht geschlossen werden. In der offiziellen Mitteilung heißt es: "Grund sind seit Ende 2016 festgestellte Veränderungen an der Oberfläche der nicht konservierten silbernen Münzen und Medaillen." Anstatt der natürlich gewachsenen Patina weisen die seltenen Sammlerstücke einen weiß-milchigen Belag auf. Etwa 100 Münzen sind betroffen. "Die betroffenen Objekte wurden sofort aus den Vitrinen entnommen und werden in der Restaurierungswerkstatt behandelt", teilen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit.

Seitdem arbeiten die Experten an der Beseitigung der Beläge. Die Arbeiten gestalten sich kompliziert, denn die Ursache ist nicht vollständig geklärt und der Aufwand gewaltig: Etwa 1.400 Objekte wurden aus der Ausstellung entnommen - viele Stücke vorsorglich, damit bei ihnen nicht zukünftig ähnliche Veränderungen auftreten. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben Materialanalysen und Messungen der Luft in den Vitrinen vorgenommen sowie ein Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben. Das Problem: Die bisherigen Untersuchungen haben keinen sicheren Nachweis der Ursache erbracht. Zwischenzeitlich wurde sogar der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) hinzugezogen, um die Ursachenforschung zu verstärken. Dennoch gaben die Verantwortlichen bereits im März vorsichtig Entwarnung: "Schon jetzt kann gesagt werden, dass die entstandenen Oberflächenveränderungen durch restauratorische Maßnahmen behoben und der ausstellungsfähige Zustand wiederhergestellt werden kann", sagt Dr. Stephan Adam, Pressesprecher der Staatlichen Kunstsammlung Dresden.

Wer seit Jahren treuer Sammler von Silber-Unzen ist, dürfte die Erfahrung der Experten in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden mindestens einmal gemacht haben. Das Paket mit den neuen Silber-Unzen kommt an, die Vorfreude steigt - und dann: Eine große Enttäuschung, weil die Pracht der silbernen Prägungen durch kleine, weißliche Flecken getrübt wird. Ein Blick in einschlägige Sammlerforen macht deutlich: Das Problem ist weit verbreitet. Die weißen Flecken sind eine regelrechte Pest, welche Kunden und Händler gleichermaßen beschäftigt - und immer wieder gibt es Ärger, weil Kunden sich über die Flecken beschweren oder Händler die befleckten Münzen nicht ankaufen.

Im Januar 2015 brach die Perth Mint mit einem jahrelangen Tabu: Bis dahin hatten sich Münzprägestätten mit Aussagen zu den Ursachen der Milchflecken zurückgehalten. Im "Bullion Blog" der Perth Mint bezog erstmals ein Vertreter einer Prägestätte offiziell Stellung: Marketingdirektor Ron Currie beschreibt das Phänomen folgendermaßen: "Milchflecken sind undurchsichtige, trübe Flecken, die auf Silbermünzen erscheinen können, nachdem sie die Prägestätte verlassen haben. Die überwiegende Mehrheit der Perth Mint Silbermünzen sei von diesem Thema nicht betroffen. Allerdings könne die Perth Mint die Verunsicherung unter Sammlern und Anlegern verstehen. Currie weist darauf hin, dass Milchflecken auf eine Reihe von möglichen Ursachen zurückgeführt werden.

Perth Mint: Eine Lösung liegt in der Luft

Die Perth Mint hat nach eigenen Angaben seit Jahren versucht, der Ursache für die Verunreinigung auf den Grund zu gehen. Probleme mit der Wasserqualität beim Reinigungsprozess der Münzen oder Verunreinigungen der Prägewerkzeuge. Die Metallurgen der Perth Mint arbeiten dem Bericht zufolge inzwischen an der Theorie, dass mikroskopische Luftpartikel die Veränderung der Oberfläche der Münzen herbeiführen. Die Forscher haben winzige Schmutzpartikel in der Mitte der Milchflecken auf ein paar betroffenen Münzen gefunden. Um jeden dieser "Einschlüsse" herum waren Silberchlorid-Kristalle zu finden (AgCI), welche den milchigen Fleck erzeugten. Bei weiteren Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich die Ablagerung oberhalb der Münzoberfläche befindet. Im Klartext: Der Schutz müsste nach dem Prägevorgang auf die Münze gekommen sein.

Die Forschungsarbeiten bei der Perth Mint gehen bis heute weiter, doch die Prägestätte hat nach eigenen Angaben bereits Konsequenzen gezogen und ein Reinigungsprogramm für die Entfernung von Staub und mikroskopischen Schmutz aus allen Produktionsbereichen eingerichtet. "Alle Druckluftfilter wurden gereinigt, um Öl- und Wasseraufbau zu beseitigen, während unsere Klimatisierungsfilter auch ersetzt wurden, um zu verhindern, dass Luftpartikel in die Produktionsbereiche gelangen", berichtet Ron Currie. Zudem wird mit alternativen Versandmethoden experimentiert, um die Münzen vor späteren Verunreinigungen und Milchfleckenbildung zu schützen.

Entsteht der Schmutz beim Reinigen?

Mit ihrer Transparenzoffensive hat die Perth Mint in Sammlerkreisen viel Lob geerntet - und ein Blick in die Diskussionen in Internetforen zum Thema "Milchflecken" macht deutlich, dass die Münzen aus Australien eher selten von Milchfleckenbildung betroffen sind. Stattdessen wird immer wieder der Name der "Royal Canadian Mint" genannt. Die kanadische Prägestätte hält sich bislang zu dem Thema bedeckt, bislang gibt es nur eine einzige verlässliche Einschätzung aus Kanada. Der Münzhändler John Winkelmann hatte sich in einem Rundschreiben an Händlerkollegen gewendet und folgendes mitgeteilt: "Wir hatten gerade ein Treffen mit der Mint. Die weißen Flecken (oder "Milchflecken") ergeben sich aus dem Reinigungs- und Aufbereitungsverfahren. Einige Silber Maple Leaf Münzen haben sie, andere nicht. Dies ist die offizielle Position der Münzprägestätte: Die Münzen sind Bullionmünzen. Sie sind keine Sammlermünzen. Sie werden als eine Unze Silber verkauft. Die Münzprägestätte weiß, dass es ein Problem gibt. Das Problem besteht seit 1988, als die Silber-Maple-Leaf-Münze zum ersten Mal eingeführt wurde.“

Die Ursache der Flecken ist also bislang nicht abschließend geklärt, fest steht aber: Sie mindern zumindest in Bereich der Bullion-Prägungen den Wert der Münzen nicht, da sich dieser aus dem reinen Edelmetallpreis ergibt. Vor allem bei der Wildlife Serie sowie dem Maple Leaf aus Kanada sind weißliche Ablagerungen weit verbreitet, welche in der Sammlerszene als „Milchflecken“ bezeichnet werden. Auch hier gilt: Seriöse Händler kaufen diese Stücke normal an und verkaufen sie auch wieder. Vereinzelt treten Milchflecken auch bei den Elefanten aus Somalia sowie der Arche Noah aus Armenien auf.

Ein ähnliches Phänomen tritt auch bei Goldmünzen auf

Ein ähnliches Phänomen, allerdings in Rot, ist bei den deutschen 100 Euro Münzen in Gold sowie bei internationalen Prägungen wie dem China Panda recht weit verbreitet. Die Sorge bei den Besitzern der Münzen ist groß - die rötliche Verfärbung sieht aus wie Rost. Und die Ursache der Fleckenbildung bei den Münzen aus Gold und Silber ist bislang nicht endgültig geklärt - und es erscheint völlig unverständlich, warum es im Bereich der Gold-Unzen bei fast reinem Feingold zu einer chemischen Reaktion mit anderen Stoffen kommen könnte.

Folgende Erklärung gilt in der Münzensammlerszene als wahrscheinlich für die Flecken auf Goldmünzen: Bei den Auffälligkeiten handelt es sich um kleine „Silberinseln“, die anlaufen. Die roten Flecken sind tatsächlich Silbersulfid, welches bei einer Reaktion mit organischen Schwefelverbindungen entsteht. Auftreten können solche Verunreinigungen bei der Herstellung der Ronden.

Milchflecken lassen sich mit herkömmlichen Mitteln nicht beseitigen

Die bislang am weitesten verbreitete Erklärung für die „Milchflecken“ auf silbernen Münzen geht in eine andere Richtung. Beim Reinigen der Ronden könnten feine Rückstände von Reinigungsmitteln eine Verschmutzung beim Prägevorgang hervorrufen. Sammler haben mit allen denkbaren Mitteln versucht, die Flecken zu beseitigen: Radiergummi, Zahncreme, Natronpulver. Doch keine der gängigen Hausmittel reinigt die Münze vollständig, bei vielen Lösungsmöglichkeiten wird die Münze sogar noch zusätzlich beschädigt.

Die Milchfleckenbildung sollte nicht mit einer Patina verwechselt werden. Diese ist bei Silbermünzen nicht qualitätsmindernd - was auf den ersten Blick nach Schmutz aussieht, ist in Wirklichkeit ein Wertzuwachs-Argument: Silber setzt, je nach Lagerung, eine sogenannte Patina an, diese ist nicht vergleichbar mit einer Korrosion beim Eisen. Sie entsteht normalerweise im Laufe von Jahren oder gar Jahrzehnten durch eine natürliche Oxydation, welche wie eine Schutzschicht wirkt. Die Patina mindert den Wert der Münzen nicht – in der Numismatik ist die Patina sogar ein Qualitätsmerkmal, eine Münze wird für viele Sammler dadurch erst richtig interessant. Und auch im Bereich des Edelmetall-Investments besteht kein Grund, gut erhaltene Silbermünzen, wenn auch mit Patina, zum Schmelzwert anzukaufen, da die Münzen keine Wertminderung erfahren haben. Wertmindernd machen sich nur offensichtliche Beschädigungen bemerkbar, also Kratzer und Randschäden. Solche Münzen werden dann zum Schmelzwert angekauft. Diese „Second-Hand“-Silbermünzen haben also keine Wertminderung erfahren und sie bieten dem preisbewussten Käufer sogar einen Preisvorteil. Beim Umgang mit Münzen empfiehlt sich die Verwendung von Handschuhen, um mit dem Fett auf der Haut das Metall nicht anzugreifen. Pinzetten sind tatsächlich nur eingeschränkt geeignet, weil sie Spuren auf der Münze hinterlassen. Münzen sollten am Rand angefasst, Vorder- und Rückseite geschont werden. Meist lassen sich Fingerabdrücke auf spiegelnden Münzen nicht mehr ohne Schäden beseitigen. Den höchsten Wert erzielen Münzen fast immer im Originalzustand. Und die modernen Edelmetall-Anlagemünzen müssen überhaupt nicht gereinigt werden, da sie die Prägestätte in höchster Qualität und bester Erhaltung verlassen. Fast immer sorgt also die nachträgliche Behandlung und Reinigung einer Münze für einen Wertverlust. Bei der Pflege von Münzen gilt der Grundsatz „weniger ist mehr“ Der Erhaltungsgrad einer Münze lässt sich nicht durch kräftiges Reiben auf echtes „Stempelglanz“-Niveau bringen – entsprechende Stücke werden als „berieben“ mit deutlichen Abschlägen auf den eigentlichen Sammlerwert verkauft. In der Sammlerszene wird diese künstliche Nachbehandlung auch als „Katzenglanz“ bezeichnet. Insbesondere bei Münzen, die bereits in der feinsten Prägequalität „Polierte Platte“ hergestellt wurden, richtet eine Nachbehandlung fast immer großen Schaden an. Denn dabei wird der ursprüngliche feinmattierte Spiegelglanz der hochstehenden Münzflächen zerstört, es entsteht ein unnatürlicher Glanz. Silberputztücher oder Silbergeschirr-Reinigungsmittel sind also für die Pflege von Silbermünzen tabu. Silberbad beseitigt Fettspuren und Oxidationsflecken Es gibt allerdings Hilfsmittel, mit denen eine Münze gepflegt und aufgewertet werden kann. Anstelle von Hausmittelchen wie Natron, Zitronensaft oder Zahnpasta sollten Sammler und Anleger ausschließlich auf spezielle Lösungen zurückgreifen. Es gibt Reinigungsbäder für Silbermünzen, welche oberflächliche Fettspuren oder oxidationsbedingte Flecken beseitigen können. Beim Einsatz dieser Mittel ist jedoch größte Sorgfalt nötig – verschiedene Metalle sollten nie gemeinsam “gebadet“ werden und mehrere Münzen in einem Bad sich grundsätzlich nie berühren, da es sonst zu chemischen Reaktionen oder Beschädigungen kommen kann. Zudem sollte die Reinigung so kurz wie nötig dauern - üblicherweise reicht eine Einweichzeit von rund einer halben Stunde aus, danach lässt sich der Schmutz normalerweise mit zufriedenstellendem Ergebnis entfernen. Nach der eigentlichen Reinigung sollte fließendes Heißwasser genutzt werden, um die Münzen von den Reinigungsmitteln zu befreien. Hilfreich können hier spezielle Geräte sein, welche Vibrationen erzeugen und so die Wirkung der Reinigungsflüssigkeit verstärken. Münzen aus Silber und Gold lassen sich üblicherweise leichter behandeln als Kupfermünzen oder antike Prägungen aus Metallgemischen. Mehr als ein Münzbad sollten sorgfältige Sammler und Anleger ihren Münzen jedoch nicht zumuten. Jegliche Konservierungsmethoden, beispielsweise mit sogenanntem Zapon-Lack, gelten als Sünde und zerstören den historischen Charakter der Prägungen. Die Lackschicht lässt sich meist nur durch mechanische Einwirkung und selten ohne Rückstände ablösen, der Lack greift das Metall an oder wird mit der Zeit brüchig – so werden die Freude beim Sammeln und die Wertzuwachs-Chancen augenblicklich zunichte gemacht, denn für die meisten Numismatiker sind solche Stücke schlicht „nicht sammelwürdig“.