• Christian Hannig

ECU-Medaillen: Numismatisches Porträt einer Währungsepoche


Als die Exilregierungen von Belgien, den Niederlanden und Luxemburg 1944 in London ein gemeinsames Zollabkommen beschlossen, ahnte niemand, daß in diesem die Keimzelle des geeinten Europas ruhte. Mit der Gründung der Montanunion im Jahr 1952 entwickelte sich die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter; sie führte letztlich zu den Verträgen von Rom.

Auf dem Weg auch zu einer Währungsunion wurde dann im März 1979 das Europäisches Währungssystem (EWS) geschaffen und in diesem Rahmen die „European Currency Unit“, besser bekannt unter ihrer Abkürzung „ECU“, eingeführt. Sie hatte Gültigkeit bis Ende 1998. Ihr Wert als Rechnungseinheit wurde durch einen Währungskorb festgelegt, in welchem die Nationalwährungen entsprechend ihrer Wertigkeit zusammengefaßt waren. So „wogen“ – an einem festgelegten Stichtag – z. B. der französische Franc etwa 20%, die Dänische Krone kaum 3%, die Deutsche Mark jedoch 32%. Auch wenn es offizielle ECU-Banknoten nicht gab und die Ausgabe von ECU-Münzen nicht vorgesehen war, so entwickelte sich die Realität doch anders. Mitgliedstaaten

der EG gaben Anleihen in ECU heraus, man konnte ECU-Reiseschecks kaufen, in dieser Währung Überweisungen tätigen, und natürlich entstand ein reger Münzmarkt. So dauerte es nicht lange und der Markt wurde mit ECU-Prägungen vielfältigster Art überflutet. Nachfolgend wird diese Vorstufe unserer Gemeinschaftswährung einer kritischen Betrachtung unterzogen und versucht, die Vielzahl der ECU-Produkte numismatisch zu werten.

ECU-Prägungen privaten Ursprungs ohne Bezug zum gemeinsamen Europa

Auf solchen Prägungen finden sich die einfallsreichsten Motive: etwa Tiere, Schiffe, Gebäude und Persönlichkeiten von ziemlicher Bedeutungslosigkeit, was den Weg Europas zur Gemeinschaft betrifft. Den Initiatoren ging es offensichtlich nicht darum, einen dokumentarischen Beitrag zu einer neuen Währungsepoche zu liefern. Man mag deshalb den Grund für solche Prägungen auf den Begriff „Gewinnschöpfung“ reduzieren. Aus der Flut solchen Materials werden nachfolgend drei beliebige Beispiele gezeigt.

Der Unsinn gipfelte in Prägungen u. a. für Island, für die Isle of Wight, für Madeira, für Polen für Rußland und weitere „Kandidaten“. Neben einer Vielzahl von Metallarten wurden für jene ECU selbst Gold und Platin verwendet, und die Initiatoren wußten, wie man „bare Münze“ macht. Denn zusätzlich gab es handpatinierte Stücke, solche mit doppeltem Gewicht (Piedfort), mit Stempeldrehung, koloriert, als Probe-Prägung etc. etc. Für einzelne Stücke wurden Preise verlangt, die über denen von Goldmünzen lagen, und die Notierungen für „seltene“ Produkte endete damals jenseits von 2000 DM. Für Sammler, die unkritisch zugriffen, führte dies zum schmerzhaften Geldverbrennen; denn jeder preislich auch nur einigermaßen akzeptabler Wiederverkauf ist heute ausgeschlossen! Wie also sondieren und werten, wenn es um private ECU-Produkte geht, von denen noch jetzt so manches in den Schubläden von Händlern verstaubt?

Private ECU mit Europa-Thematik

Es geht hier um Prägungen, in denen sich unser Europa widerspiegelt. Dabei lohnt durchaus das Suchen, denn es findet sich eine Vielzahl von Themen. Dazu einige Beispiele: Europäisches Parlament, Europäische Investmentbank, Europäische Luftverkehrskontrolle, Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, EU-Verträge von Maastricht, Römische Verträge, EU-Ratspräsidentschaften, PAN-Europa- und Europa-Wochen etc. Für manche dieser Themen wurden nie Münzen geprägt. In solchen EU-Prägungen finden wir das Europa, das damals noch auf dem Weg zu einer gemeinsamen Währung war. Konsequentes Durchforsten des privaten Angebots konnte also zu Funden führen, die sich sogar in eine thematische Münzsammlung eingliedern ließen.

Private Prägungen mit zeitlich begrenztem Geldwert

Bei diesen Stücken wird deutlich, daß man es hier mit Zeugen einer monetären Entwicklung zu tun hat. Der private Charakter dieser ECU blieb zwar erhalten, wurde aber nun durch eine behördliche Genehmigung für deren geldwerte Nutzung überlagert. Ein Land verdient hier unsere besondere Aufmerksamkeit: Frankreich. Dort war der Gebrauch solcher ECU als Zahlungsmittel wie folgt geregelt: Der Einsatz mußte örtlich begrenzt sein (etwa auf eine bestimmte Stadt), und die maximale Gültigkeit betrug einen Monat. Ferner galt es weitere Vorgaben einzuhalten. So durften diese ECU den gesetzlichen Zahlungsmitteln (Münzen) nicht ähneln; der Gebrauch von Symbolen der französischen Republik war auf ihnen untersagt, und ihre Benutzung in Automaten mußte durch unterschiedliche Parameter gegenüber denen von Münzen unmöglich sein. Stellvertretend für die Vielzahl solcher Ausgaben wird hier ein Exemplar im Detail vorgestellt.

Anmerkung: Der Ausgabekurs von 7 Francs für 1 ECU hatte damals allgemein Gültigkeit, und er lag damit bereits in der Nähe der Größe, die wir später auf den französischen Paritätsmünzen finden. Wer also damals eine Sammlung mit ECU, die Geldwert hatten, aufbaute, der besitzt heute ein Zeitdokument. Es gibt zwei ähnliche Beispiele. Anläßlich des Internationalen Kongresses für Numismatik in Brüssel (1991) und zur Eröffnung des Museums für Medizin (1994) gab es in Belgien analoge ECU.

Bei der Vielfalt von ECU-Prägungen ist die Frage berechtigt: Wo bleibt die Institution, die diese Währung beschlossen hat? Wir entdecken sie auf einem 25-ECU-Stück mit dem Schriftzug: EUROPEAN COMMUNITY MONITOR MISSION YUGOSLAVIA. Diese Beobachter-Mission der Europäischen Union startete 1991 im damaligen Jugoslawien. Es ging dabei um die Überwachung der inner-ethnischen Beziehungen, der Flüchtlingsströme und der politischen Entwicklung. Wie haben es hier mit einem interessanten Zeitbeleg zu tun.

Offizielle ECU-Prägungen

Hinterfragt man die Namen der Initiatoren für rein private ECU-Stücke, so stößt man dabei auf Firmen wie die britische Spink Modern Collections Ltd., auf die Coin Invest, Vaduz, auf Jean-Marc Laleta, Paris, aber vor allen Dingen auf deutsche Urheber: Berolina (Berlin), Emporium Hamburg, Numiversal (Pirmasens), Bayerisches Münzkontor u.v.a. Von ihren Produkten heben sich die Ausgaben offizieller Stellen deutlich ab. Zwei klassische Beispiele können hier genannt werden: die ECU-Prägungen der Irischen Nationalbank und die der spanischen Real Casa de la Moneda.

Dublin verdanken wir drei ECU-Prägungen, die 1990 anläßlich der EG-Präsidentschaft Irlands und der dortigen Tagung des Europäischen Rates aufgelgt wurden: 5 und 10 Ecu in Silber, 50 ECU in Gold. Auf der Bildseite zeigen die Stücke den Irischen Hirsch.

Ähnliches gilt für die ECU-Ausgaben aus Madrid. Sie wurden auf gesetzlicher Grundlage geprägt, weshalb sie in spanischen Katalogen auch nicht als Medallas (Medaillen), sondern als Monedas (Münzen) geführt werden. Der Real Casa gelang dabei mehr als ein guter Wurf, etwa die Ausgabe anläßlich der Ernennung Madrids zur Europäischen Kulturhauptstadt 1992. Zwar vergab Brüssel diesen Titel bereits seit 1985, doch bisher fand sich dazu noch kein numismatischer Beleg. Parallel zu einer thematischen Münzausgabe prägte Madrid auch ein ECU-Serie. Diese schlug in der Sammlerwelt so ein, daß sich hierzu in spanischen Unterlagen der Hinweis findet: „Trotz der recht hohen Auflage kam es zur extraordinären Preissteigerung“. Es verwundert deshalb auch nicht, daß nur wenige dieser Serien das Land verlassen haben. Man könnte sagen: Madrid, gekrönt mit diesem Titel, da kaufte der sprichwörtliche spanische Stolz alles, was zu diesem Anlaß geprägt wurde. Die 1992er Madrid-Silber-Ecu (es gibt auch ein Goldstück) werden nachfolgend gezeigt.

Mit kritischem Blick auf die variantenreiche Palette der ECU-Prägungen, die numismatisch als Medaillen einzustufen sind, sollte es also nicht schwer fallen nach einem alten Sprichwort Spreu von Weizen zu trennen. Nur für eine mit Gespür für das Wichtige aufgebaute ECU-Sammlung arbeitet die Zeit. Christian Hannig

#Medaillen #Euro #Europa